Geschichtswissenschaft - Wissenschaftspolitik: Rektor Platzhoff

Historiker, die die Umbrüche in Europa hin zum System von Nationalstaaten interessiert, stoßen noch heute auf Walter Platzhoff (siehe Platzhoff Rektor 1934 -1944).  Mit der "Geschichte des europäischen Staatensystems 1559 – 1660" hat der eines der wenigen Bücher zu diesem Umbruch geschrieben. Das Buch stammt von 1928, wurde 1967 nachgedruckt und wurde 2019 erneut publiziert. Neben seiner Rolle als Historiker kommt der an der Geschichte von Universitäten im Dritten Deutschen Reich Interessierte an Walter Platzhoff nicht vorbei. Von 1934 bis 1944 wurde er als Rektor der Goethe Universität Frankfurt eingesetzt, nicht gewählt. Er wurde durch Anwendung des Führerprinzips als "Führer" der Universität durch das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unter Leitung von Bernhard Rust eingesetzt.

Das 10 jährige Rektorat Platzhoffs lag genau zwischen der Phase der "nationalsozialistischen Revoltuion" 1933 und dem Zusammenbruch des Dritten Deutschen Reiches 1945 durch den Sieg der Alliierten. Die Frankfurter Rektorate des Pädagogen Krieck (gestorben 64-jährig am 19.3.1947) und des Rassehygienikers Kranz (Suizid 47-jährig am 5.5.1945), umrahmen in den Jahren 33/34 und 45 die Amtszeit von Walter Platzhoff. Walter Platzhoff war nach 1945 noch ein längeres, eher öffentlich unauffälliges Leben beschieden. Er starb 87-jährig am 9.8.1968.

Krieck und Kranz betätigten sich früh in der NSDAP und waren scharfe Verfechter nationalsozialistischen Gedankenguts. Anders als Krieck und Kranz exponiert Platzhoff sich nicht als Parteigenosse und Vertreter der NSDAP. Dennoch spricht er völkisch nationales Gedankengut aus, seit 1934 sehr deutlich und auch weitgehend nationalsozialistisches Gedankengut. Seit 1933 ist Platzhoff Förderer und Mitglied von NS-Organisationen, seit 1937 wie viele Rollenträger des Dritten Deutschen Reiches auch der NSDAP. Auch wissenschaftlich bestehen Unterschiede zu Krieck und Kranz. Kranz forscht als "Rassehygieniker", Platzhoff betreibt Geschichtswissenschaft. Krieck wird von Hammerstein als "fachlich zweifelhafter Ideologe" bezeichnet, Platzhoff hingegen als "ernstzunehmender Gelehrter".

Am 14.November 1934 fasst Walter Platzhoff politische und hochschulpolitische Auffassungen in seiner programmatische Rede aus Anlass des Antritts seines Rektorates zusammen. In ihr stellt er fest, mit Hitler und dem Nationalsozialismus sei endlich das von dem Deutschen Volk der Geschichte vorgegebene Ziel von Einheit zwischen Volk und Staat in einer Nation erreicht. Das Dritte Deutschen Reich könne daran gehen, die ihm gebührende Stellung in der Welt einzunehmen.

Diese poitische Aussage ist die Zusammenfassung seiner wissenschaftlichen Einsichten in den Lauf und den Telos der Geschichte. Platzhoff postuliert als zentrale Axiome, dass jedes Volk einen natürlichen Expansionsdrang habe. Die Entwicklung zur Nation, eigentlich zum Nationalsstaat, setzt für ihn sowohl für Frankreich wie Deutschland ein mit der Reichsteilung als Erbe Karls des Großen. Die französischen Könige hätten sich diesem geschichtlichen Ziel verschrieben, die deutschen Fürsten und die Habsburger hätten dieses Ziel aus dem Auge verloren, ja verraten. Ein Volk zeichnet sich durch seinen Volkscharakter aus. Soweit es sich um die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich handelt, gilt Platzhoff die Sprache als Unterscheidungsmerkmal. Im Innern enthüllt sich der Charakter  eines Volkes durch seine Pogorme. Das Pogrom der Bartholomäusnacht gegen die Hugenotten in Paris ist für Platzhoff Ausdruck dessen, wie das französiche Volk sich sieht und seine Einheit verwirklicht sehen will. Heinrich IV ist für Platzhoff ein Nationalheld, deshalb, weil er als Hugenotte zum katholischen Glauben konvertiert und damit die französisch Nation als Einheit von Volk und Herrscher voranbringt. Heinrich IV ist auch Nationalheld, weil er den spanischen Habsburger und Nachfolger Karl V besiegt. Damit wird den Vorstellungen und Bestrebungen nach einem Universalreich ein Riegel vorgeschoben und die Entwicklung des Nationalstaates geschützt.

Für andere Nationalkonservative - zum Beispiel  Ernst Kantorowicz aus dem George Kreis - ist der Führer eine esoterische Gestalt in der die Weisheit der Welt versammelt ist. Platzhoff übernimmt  das Führerbild, für ihn sind Führer aber Personen, die sich dem wissenschaftlich nachgewiesenen Telos der Geschichte stellen und es exekutieren wie Heinrich IV, dann Bismarck und schließlich Hitler.

Die Hochschule hat der Größe der eigenen deutschen Nation zu dienen. Die deutsche Geschichtswissenschaft hat fundierte Begründungen gegen die französische zu liefern. Dazu müssen Marxismus, später dann Liberalismus und endlich das Judentum aus der Hochschule verbannt werden. Nennen wir Platzhoffs Art Wissenschaft zu treiben mal teleologisch positivistisch, die von Kantorwicz als einem Mitglied des "Geheimen Deutschlands" ganzheitlich esoterisch. Dann kann man vermuten, dass Platzhoff der Öffnung der Hochschulen für andere Wissenschaftsmethoden sowie eine Erweiterung der Bildungselemente durch mehr - häufig, aber nicht nur - jüdische gebildete Wissenschaftler gehasst hat - wie andere Professoren der Goethe-Universität auch. Auch das könnte ihn zu seinem Rektorat im Dritten Deutschen Reich bewogen haben.

War Platzhoff ein Nazi? Warum soll diese Frage eigentlich beantwortet werden? Platzhoff äußert sich abfällig über die Habsburger als Universalisten und über Weltbürger wie Kant. Er vertritt die Hegemonie einer Nation, begrüßt das preußische Staatsideal. Für die Deutsche Größe über alles ist das Parlament untauglich, es sind Führer vom Typus Bismarck und Hitler erforderlich. Platzhoff  verherrlicht das Volk, soweit es sein Deutschsein erkennt und sich in die Einheit von Volk und Staat zwingen lässt.

Und die Vernichtung der Juden als Person und Ethnie? Dokumentierte antisemitische Äußerungen Platzhoffs sind nicht aufzufinden. Offensichtlich genügt ihm die Vorstellung nationaler deutscher Hegemonie und wie es dann später heißt jüdischer Wissenschaft, die Demütigung und Vernichtung von Millionen Menschen für sich zu rechtfertigen. Ganz wie die Blutnacht von Paris konstitutiv für die französiche Nation gewesen sein soll.

 

Literatur von und über Walter Platzhoff

Kurzbezeichnung Fundstellenangabe

Ash

Ash, Mitchel G.; in Politisierung der Wissenschaft, Seite 363 „Ganzheit und Gestalt“. Ash hat an Hand des Begriffes „Gestalt“ herausgearbeitet, dass er weder einen Schutz vor völkischem Gedankengut noch eine Ursache für völkisches Gedankengut hergibt.

Bericht des Rektors 1939

Platzhoff, Walter; In Chronik der Johann Wolfgang Goethe-Universität … vom 1.4.1933 bis 31.3.1939; Herausgegeben vom derzeitigen Rektor Dr. Phil. Walter Platzhoff, ordentl. Professor der neueren Geschichte. Frankfurt am Main 1939

Bericht Fischer-Wasels

Fischer-Wasels, Bernhard; Bericht des scheidenden Rektors, Prof. Dr. B. Fischer-Wasels, zum Rektoratswechsel am 7. November 1931; Der Bericht wurde vermutlich nicht veröffentlicht. Er ist in dem Band zu HStAM, (Hessisches Staatsarchiv Marburg) Best. 150, Nr. 2373 (Rektor und akademischer Senat der Universität Frankfurt), Bl. 176-189 zu finden. In einigen Veröffentlichungen wird die Fundstelle falsch oder veraltet zitiert.

Bismarck, Bündnispolitik

Platzhoff, Walter; Bismarcks Bündnispolitik; Schroeder 1920, 23 Seiten

Deutschland und Frankreich

Platzhoff, Walter; Deutschland und Frankreich; Veröffentlicht in Deutsche Kriegsschriften, 9.Heft, A.Marcus und E.Webers Verlag in Bonn 1915; Wiedergabe eines am 2.3.1915 gehaltenen Vortrags

Dreier

Horst Dreier; Staatsrecht in Demokratie und Diktatur, Mohr Siebeck, Tübingen 2016, Seite 200

England

Platzhoff, Walter; England und der Friede von Utrecht; Historische Zeitschrift, Bd. 167, H. 3 (1943), pp. 497-510

Frankfurter Frieden

Platzhoff, Walter; Zum Frankfurter Frieden, Platzhoff, Walter; 1927, Standort Bibliothek Geisteswissenschaften; Sonderpublikation der Seiten 301 bis 313 aus „Historische Aufsätze. Aloys Schulte zum 70. Geburtstag “, Düsseldorf, L.Schwann 1927

Frankreich, Außenpolitik

Platzhoff, Walter; „Die französische Ausdehnungspolitik von 1250 bis zur Gegenwart“; Artikel erschienen in „Frankreich und der Rhein“; Rudolf Kautzsch, Georg Küntzel, Walter Platzhoff, Fedor Schneider, Franz Schultz und Georg Wolfram; Englert & Schlos ser. 1925. (aus einem Vorlesungszyklus 1923/1924 entstanden). Rezension: Holtzmann, Robert; Historische Zeitschrift, Bd. 134, H. 1 (1926), pp. 77-81

Frankreichs Kontinentalpolitik

Platzhoff, Walter; Frankreichs Kolonialpolitik; Vorlesung gehalten in der Vereinigung für Staatswissenschaftliche Fortbildung; erschienen in Volk und Reich der Deutschen; Band III; Reimar Hobbing Berlin 1929; Seiten 228 bis 246

Frankreich und der Rhein

Platzhoff, Walter; Frankreich und der Rhein; erschienen und der Reihe „Rheinische Schicksalsfragen“ Band 27/28; „Probleme des Deutschen Westens“ als Aufsatzfolge im Auftrag des Verbandes deutscher Geschichtslehrer; Reimar Hobbing, Berlin 1929; Seiten 47 bis 54

Hammerstein Band I

Hammerstein, Notker; Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Band I, 1914 – 1915, Metzner 1989, Neuwied und Frankfurt

Heiber

Heiber, Helmut; Universität unterm Hakenkreuz, Teil II, Die Kapitulation der Hohen Schulen, Band 2; K.G.Saur, München 1994

Holtzmann

Holtzmann, Robert; Rezension von Frankreich und der Rhein; Beiträge zur Geschichte und geistigen Kultur des Rheinlandes von Rudolf Kautzsch, Georg Küntzel, Walter Platzhoff, Fedor Schneider, Franz Schultz und Georg Wolfram,Historische Zeitschrift, Bd. 134, H. 1 (1926), pp. 77-81; JStore Stable URL: https://www.jstor.org/stable/27605436

Frankreich und Protestanten

Platzhoff, Walter; 1912 Habilitation in Bonn mit einer Arbeit über „Frankreich und die deutschen Protestanten 1570 bis 1573“

Kretschmann 2008

Kretschmann, Carsten; Beitrag „Einsatz für Deutschland? …“, Seite 5ff; Es handelt sich um einen Vortrag zum 90-jährigen Jubiläum der Goethe-Universität im Jahr 2004; in Schriftenreihe des Frankfurter Universitätsarchivs. 1, Wallenstein-Verlag 2008

Kretschmann 2016

Kretschmann, Carsten; Beitrag „Geschichte als Politik, Walter Platzhoff“; Es handelt sich um einen Vortrag anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Goethe-Universität im Jahr 2014; Schriftenreihe des Universitätsarchivs; Wallsteinverlag 2016

Meuchelmord

Platzhoff, Walter; 1906 Promotion zum Dr. phil. in Bonn mit einer Arbeit über „Die Theorie von der Mordbefugnis der Obrigkeit im XVI. Jahrhundert“

Reichsgründungstag 1925

Platzhoff, Walter; Bismarcks Reichsgründung und Die Europäischen Mächte,

Rede zur Feier des 18. Januar 1925; Frankfurt am Main, 1925

Reichsgründungstag 1934

Platzhoff, Walter; Festrede am Reichsgründungstag im Frankfurter Opernhaus am 18.Januar 1934; H. Bechold Verlagsbuchhandlung, 1934

Rektoratsrede 1934

Platzhoff, Walter; Rede gehalten bei der feierlichen Übernahme des Rektorats in der Aula der Universität Frankfurt am 14.November 1934. Die Rede wurde nicht gedruckt. Universitätsarchiv Goethe-Universität.

Rheinlande 1921

Platzhoff, Walter; Die Stellung der Rheinlande in der Deutschen Geschichte In Festgabe Friedrich von Bezold (zum 70-ten Geburtstag); Kurt Schroeder Verlag 1921

Rezension Platzhoff Hohlfeld

Platzhoff, Walter; Rezension von Geschichte des Deutschen Reiches 1871-1924 by Johannes Hohlfeld Review ; Historische Zeitschrift, Bd. 132, H. 2 (1925), pp. 334-335 JStore Stable URL: https://www.jstor.org/stable/27605262 Accessed: 15-10-2018 10:55 UTC

Rezension Platzhoff Springer

Platzhoff, Walter; Rezension von Die Franzosenherrschaft in der Pfalz 1792-1814 (Departement Donnersberg) by Max Springer; Historische Zeitschrift, Bd. 138, H. 1 (1928), pp. 126-128, JStore Stable URL: https://www.jstor.org/stable/27605907 Accessed: 15-10-2018 07:58 UTC

Russland

Platzhoff, Walter; Das erste Auftauchen Ruβlands und der russischen Gefahr in der europäischen Politik; Historische Zeitschrift, Bd. 115, H. 1 (1916), pp. 77-93

Staatensystem

Platzhoff, Walter; Geschichte des europäischen Staatensystems 1559 – 1660; R.Oldenbourg, München 1967; Sonderausgabe Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt als unveränderter Reprint der Ausgabe Berlin und München 1928

Vorlesungsverzeichnis

Vorlesungsverzeichnisse der Goethe-Universität seit 1914. Sie liegen eingescannt durch das Universitätsarchiv digital vor, zu erreichen über https://www.ub.uni-frankfurt.de/wertvoll/ffmvorlesung.html (Im Oktober 2018)

Weitere Literatur

Klee 2007

Klee, Ernst; Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? Frankfurt am Main 2007, Auszüge Kranz (S. 335), Krieck (S.341), Platzhoff (S.464), Rajewski (S.477), Rust (S. 516)

Maaser 2004

Link Internet

Maaser, Michal; »Restlose Reinigung von den Schlacken des liberalistischen Geistes«

Die Universität Frankfurt im Dritten Reich: Kein aktiver Widerstand der Professoren; Forschung Frankfurt, 2/2004, Seite 46 ff.

Hein, Dieter (Hrsg.) 2006 Historie und Leben : der Historiker als Wissenschaftler und Zeitgenosse ; Festschrift für Lothar Gall zum 70. Geburtstag / hrsg. von Dieter 
Festschrift für: Gall, Lothar;  München : Oldenbourg, 2006; Umfang: XI, 730 S..
Deutsche Nationalbibliothek Platzhoff Walter": 20 Einträge, einer von der Kathinka-Platzhoff-Stiftung
JStor Suchlink "Walter Platzhoff"
Wikipedia Artikel zu Platzhoff
Kantorowicz Janus Gudian; Ernst Kantorowicz - Der ganze Mensch und die Geschichtsschreibung; in der Reihe Gründer, Gönner und Gelehrte zu 100 Jahre Goethe-Univeersität 2014; Societäts Verlag